Urlaub in Nordkorea: Abenteuer oder Irrsinn?

Klingt wahnsinnig, ist aber möglich: Ein paar Tausend Touristen reisen jedes Jahr nach Nordkorea. Aber sollte man in dem abgeschotteten Land von Diktator Kim Jong Un überhaupt Urlaub machen? Wir haben einen Mann gefragt, der schon fast 170-mal in Nordkorea war.

Es sind nicht viele Westler, die nach Nordkorea reisen. Maximal 5.000, schätzt Simon Cockerell, besuchen alljährlich das Reich von Kim Jong-un. Aber Simon will, dass es mehr werden. Genau 169-mal war der Brite schon zu Gast in Nordkorea. Als Geschäftsführer von Koryo Tour organisiert er seit vielen Jahren Touren in das abgeschottete Land. Für Alleinreisende ist Nordkorea tabu – Backpacken kannst du hier nicht. Wer das Land als Tourist betreten will, muss das zusammen mit einer Reisegruppe machen. Von Peking aus geht es mit dem Flugzeug nach Pjöngjang, wer mehr Zeit hat, nimmt den Zug: Von der chinesischen Grenzstadt Dandong aus führt die Strecke über den Yalu-Fluss ins nordkoreanische Sinuiju und weiter in die Hauptstadt. Und dann beginnt sie, die wohl ungewöhnlichste Urlaubsreise, die man sich vorstellen kann.

Im Land angekommen, werden den Reisenden einheimische Begleiter an die Seite gestellt, erzählt Simon. Ohne sie darf das Hotel nicht verlassen werden, sie sagen, was fotografiert werden darf und pfeifen die Reisenden zurück, wenn sie unerlaubt mit Ottonormalkoreanern sprechen wollen. Diese Rundumbetreuung ist nicht billig: Fünf Tage im Land kosten bei Koryo Tours rund 1.100 Euro, Bahnfahrt inklusive. Chinesische Anbieter haben günstigere Touren im Angebot – ohne Chinesischkenntnisse kommt man mit ihnen allerdings nicht weit.

Günstiger als Fliegen: Viele Touristen erreichen Pjöngjang mit dem Zug aus China. ©Xiaolu Chu/Getty Images
Sozialistischer Chic: die Hauptstadt Pjöngjang. ©Feng Li/Getty Images

Während jedes Jahr Zehntausende Chinesen ihr Nachbarland bereisen, das viele von ihnen an das China unter Mao erinnert, schauen immer weniger Westler vorbei. Nachdem 2016 der später verstorbene amerikanische Student Otto Warmbier in seinem Hotel in Pjöngjang verhaftet wurde, weil er ein Poster gestohlen haben soll, fielen die Besucherzahlen weiter. „Klar: Wenn du nicht nach Nordkorea fährst, kannst du dir auch keinen Ärger in Nordkorea einhandeln“, meint Simon. „Aber sollte man aufs Schwimmen verzichten, weil man dabei Ertrinken könnte? Viele Touristen sind nervös, bevor sie nach Nordkorea reisen. Aber man ist absolut sicher im Land – sofern man sich an alle Gesetze hält.“ Das deutsche Auswärtige Amt warnt dennoch:

Von nicht erforderlichen Reisen in die Demokratische Volksrepublik Nordkorea wird dringend abgeraten.

Ausländische Besucher statten einem Denkmal in Pjöngjang einen Besuch ab. ©Xiaolu Chu/Getty Images

Wer sich trotzdem traut, bekommt viel zu sehen in Nordkorea. Pjöngjang fasziniert mit seiner Architektur im Stalin-Stil, mit seinen Prachtbauten wie dem imposanten Juche-Turm und den riesigen Bronzestatuen von Kim Il-sung und Kim Jong-il (vor denen sich auch ausländische Reisende verbeugen müssen). Teil jeder Tour ist ein Besuch an der Grenze zu Südkorea. Hier, in der Demilitarisierten Zone, stehen sich Soldaten des geteilten Landes schussbereit gegenüber, ein Hauch von Kaltem Krieg weht durch die Baracken, die direkt an der Grenzlinie stehen. Wer Zeit hat, reist in den Norden des Landes, zum heiligen Berg Paektusan. Hier wurde, glaubt man der nordkoreanischen Propaganda, Kim Jong-il geboren, während sich am Himmel ein Regenbogen zeigte. Überhaupt: Propaganda. Ihr entkommt man nicht bei einem Besuch in Nordkorea.

Das Mansudae-Monument: Kim Il-sung (links) und sein Sohn Kim Jong-il blicken auf ihr Volk herab. ©Xiaolu Chu/Getty Images
Pflichtprogramm für jeden Besucher ist der Juche-Turm in Herzen der Hauptstadt. Er erinnert an die von Kim Il-sung erdachte und von seinem Sohn weiterentwickelte Ideologie Juche. ©Xiaolu Chu/Getty Images

„Die dunklen Seiten des Landes bekommt man nicht zu sehen“, sagt Simon. „Aber von dem, was man sieht und erlebt, kann man sich schon ein Bild davon machen, wie Nordkorea wirklich tickt. Es gibt Menschen, die glauben, das U-Bahn-System in Pjöngjang sei nur für Touristen inszeniert und von Schauspielern bevölkert. Das ist Unsinn.“ Viele Regionen Nordkoreas sind heute noch tabu für ausländische Besucher. „Wir arbeiten hart daran, sie zu öffnen“, sagt Simon. „Wir glauben, dass das wichtig ist, um den Kontakt zwischen Einheimischen und Besuchern noch zu steigern.“

Aber darf man eine Diktatur, die die Welt mit ihrem Atomprogramm in Atem hält und ihre eigenen Bürger in Arbeitslagern verschwinden lässt, überhaupt bereisen? „Natürlich“, meint Simon. „Der Tourismus unterstützt nicht das Regime. Und die Regierung hängt auch nicht von den geringen Einnahmen ab, die er erbringt. Wir sollten ein Land nicht für seine Isolationspolitik kritisieren und es dann noch weiter isolieren, indem wir es nicht besuchen.“ Dass die amerikanische Regierung ihren Bürgern nach dem Tod von Otto Warmbier verboten hat, nach Nordkorea zu reisen, findet Simon falsch: „Die nordkoreanische Regierung stellt Amerika nur negativ dar. Schon ein paar hundert Touristen im Jahr könnten helfen, dieses Bild zu ändern.“

Das riesige Ryugyong Hotel dominiert die Skyline von Pjöngjang. ©Xiaolu Chu/Getty Images
Viele der U-Bahn-Züge in Pjöngjang fuhren einst durch Ost-Berlin. ©Feng Li/Getty Images

Autor: teleschau – der mediendienst GmbH

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